Vortragsvideo: Wiens „letzte Orte“ und ihre Verdrängung aus dem kollektiven Gedächtnis

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Soonim Shin: Wiens „letzte Orte“ und ihre Verdrängung aus dem kollektiven Gedächtnis. Vortrag am 22. März 2019 bei der Internationalen Tagung „1938-2018: Eine Bilanz. Österreichische Erinnerungskulturen“, veranstaltet von der Philologischen Fakultät der Universität Lodz

Einleitende Worte von Professor Dr. Falco Pfalzgraf

Ich möchte jetzt über Wiens „letzte Orte“ sprechen – und über ihre Verdrängung aus dem kollektiven Gedächtnis.

1) Die Lager für die österreichischen Juden in Wien

Was sind Wiens „letzte Orte“? Gerade wird in Wien diese Ausstellung gezeigt: „Letzte Orte vor der Deportation – Kleine Sperlgasse, Castellezgasse, Malzgasse.“ Die genannten Gassen sind Straßen in Wien. In diesen Straßen gab es in der Nazizeit Lager: Dort mussten die österreichischen Juden auf ihre Deportation warten – unter schlimmen Bedingungen. Etwa 45.000 österreichische Juden wurden – 1941 bis 1942 – von diesen Lagern aus „in den Tod geschickt“. Deshalb sind diese Lager „zentrale Orte“ in der „Topogra­phie der Shoah von Wien und Österreich“. Das sagen die Kuratorinnen Heidemarie Uhl und Monika Sommer (2016, http://science.orf.at/stories/2805170/).

2) Die Präsenz der Lager in der Nazizeit

Erika Weinzierl meinte, dass jeder Wiener damals die Transporte sehen konnte. Weinzierl (1985, S. 54) schrieb: „(…) aber hier in Wien, wo die Sammel­stellen waren, in der Sperlgasse, (…) in der Castellezgasse, wo auf Vieh­waggons die Menschen zusammengedrängt hingebracht wurden, wenn da jemand sagt, er hat das nicht gesehen, oder er hat nicht gewußt, was geschehen ist, dann lügt er.“ Und Ruth Beckermann (1989, S. 26) weist darauf hin, dass manche Österreicher direkt „an der Vernichtung der Juden beteiligt“ waren: Die Autos, die die Juden zum Bahnhof brachten, waren von einer Wiener Möbelfirma gemietet.

3) Der Täter Anton Brunner und seine Hinrichtung 1946

Die Wiener hatten nicht nur die festgenommenen Juden gesehen; nach dem Krieg hörten sie auch von einem der Haupttäter der Wiener Lager. 1946 gab es nämlich einen großen Prozess gegen Anton Brunner. Brunner wurde 1946 in Wien vor Gericht gestellt; mehr als 50 Zeugen sagten gegen ihn aus. (Hans Safrian 2010, S. 217f.) Anton Brunner (zitiert nach Hans Safrian 2010, S. 216) sagte der Polizei, dass er der Organisator von 48 Transporten gewesen war. Jeder Transport war ein Eisenbahnzug mit etwa 1.000 Juden; die Züge fuhren von Wien nach Riga, Minsk, Lublin, Auschwitz, Theresienstadt und an andere Orte. Brunner (zitiert nach Hans Safrian 2010, S. 216) wusste schon 1941, dass ein Teil der Juden nach dem Transport getötet wurde. Anton Brunner wurde im Mai 1946 hingerichtet. (Hans Safrian 2010, S. 218).

4) Die Lager heute: „Nahezu vergessene Orte“

Nicht nur das Mitansehen der Juden-Transporte während des Krieges, sondern auch die Hinrichtung Anton Brunners nach dem Krieg müssten eigentlich die Wiener Lager tief im „kollektiven Gedächtnis“ verankert haben. Uhl (2016, https://www.oeaw.ac.at/detail/news/letzte-orte-vor-der-deportation-kleine-sperlgasse-castellezgasse-malzgasse/) sagt, dass der Holocaust „nicht nur in den Konzentrationslagern stattfand, sondern hier begann, inmitten der Stadt, in der unmittelbaren Nachbarschaft, vor den Augen der Wiener Bevölkerung“. Wie sieht es also mit der Erinnerung an diese Lager in Wien aus? Die Antwort von Uhl und Sommer (2016, http://science.orf.at/stories/2805170/): Zwar seien die Lager „in der historischen Fachlitera­tur“ bekannt, aber „im kollektiven Gedächtnis praktisch nicht präsent“. Ja, für Uhl und Sommer  sind die Wiener Lager „heute nahezu vergessene“ Orte; ihre Ausstellung soll daher die „Bedeutung“ dieser „letzten Orte vor der Deportation“ rekonstruieren und vermitteln. (Monika Sommer / Heidemarie Uhl: ohne Jahr, https://www.oeaw.ac.at/ausstellung-letzte-orte/)

Warum aber sind diese für die Shoah in Österreich so „zentralen Orte“ im kollektiven Gedächtnis „nicht prä­sent“? Wenn die „letzten Orte“ einmal sehr bekannt waren, nun aber „vergessen“ sind, dann müssen sie aus dem kollektiven Gedächtnis verdrängt worden sein. Hat Anna Sussmann (1985, S. 51) etwa recht mit ihren Worten von 1985, dass „in diesen letzten vierzig Jahren un­glaublich viel nur vertuscht worden“ sei? Wenn ja, gab es eine solche „Vertuschung“ auch bei den Lagern im Zweiten Bezirk Wiens?

5) Die Verdrängung

a) Die Moskauer Deklaration vom Oktober 1943 und die österreichische Unabhängigkeitserklärung vom April 1945

Die Hitlerjahre wurden in Österreich schnell vergessen, und zwar direkt nach der Ausrufung der Republik am 27. April 1945. George Clare (1987, S. 235; zitiert nach Ruth Beckermann 1989, S. 26), geboren als Georg Klaar in Wien, erinnerte sich später an das Jahr 1947, als er Wien besuchte: „Die Österreicher hatten die Hitlerjahre irgendwo in den fernsten Winkeln ihres Gedächtnisses verlegt, und österreichischer Patriotismus – eine Seltenheit im März 1938, als sie Führer und Anschluß so jubelnd willkommen hießen – war jetzt sehr in Mode. Seine sichtbaren Symbole waren die allgegenwärtigen Tiroler- und Steirerhüte, die man überall in Wien sah, auf so manch einem Kopf, der vor nicht allzu langer Zeit entweder mit der braunen Kappe der SA oder der schwarzen der SS geschmückt war. Doch die Wiener hatten nicht allein ihre Kopfbedeckungen zusammen mit ihren politischen Überzeugungen gewechselt; sie hatten sogar ihre Ausdrucksweise geändert. Statt ‚Heim ins Reich‘ hieß es nun ‚Weg vom Reich‘, und um das zu unterstreichen, wurde das weiche musikalische Wienerisch, das ich gekannt hatte, durch die breiteren und gröberen Vokale des vulgären Dialekts der weniger feinen Vororte ersetzt; ein Versuch, ihr Deutsch weniger deutsch klingen zu lassen.“

Warum war „österreichischer Patriotismus“, wie Clare sagt, nach dem Krieg auf einmal so in Mode? Warum trugen sogar die Wiener plötzlich Tiroler- und Steirerhüte? Und warum sollte das Deutsch der Wiener nun „weniger deutsch“ klingen? Die Antwort findet sich in der „Moskauer Deklaration“, die auch „Deklaration über Österreich“ oder „Moskauer Erklärung“ genannt wird (Albert Sternfeld 1990, S. 31). 1945 wurde ein russisches Plakat in Wien verbreitet – es zeigt die „Moskauer Deklaration“.

Im Oktober 1943 trafen sich die Außenminister der USA, Großbritanniens und Russlands – also Hull, Eden und Molotow – in Moskau. Bei dieser Konferenz ging es auch um die Zukunft Österreichs (Albert Sternfeld 1990, S. 31ff.): Großbritanniens Außenminister Anthony Eden hatte den Diplomaten Geoffrey Harrison damit beauftragt, ein Memorandum zu Österreich auszuarbeiten. Und Harrison hatte diesen Text mit dem Titel „Die Zukunft Österreichs“ Anfang 1943 vorgelegt. In Absprache mit den USA wurde dieser Text geändert; aus dem englischen Text wurde also ein englisch-amerikanischer Text. Dann konnten auch die Russen Änderungen durchsetzen. Die Endfassung – eben die „Moskauer Deklaration“ – wurde von den drei Außenministern beschlossen, und im November 1943 in der russischen Zeitung „Prawda“ veröffentlicht (I. N. Semskow 1980, S. 15).

In der deutschen Übersetzung der Deklaration heißt es: „Die Regierungen Grossbritanniens, der Sowjetunion und der Vereinigten Staaten von Amerika kamen darin überein, dass Österreich, das erste freie Land, das der Hitlerschen Aggression zum Opfer gefallen ist, von der deutschen Herrschaft befreit werden muss. Sie betrachten den Anschluss, der Österreich am 15. März 1938 von Deutschland aufgezwungen worden ist, als null und nichtig.“

Die Alliierten sagten also: Österreich – ein Opfer Hitlerdeutschlands. Der Anschluss – eine Vergewaltigung Österreichs. Damit vertraten die Alliierten die „Opfertheorie“ (Albert Sternfeld 1990, S. 33) oder die „Opfer-These“ (Gerhard Botz 1994a, S. 24). Nach Botz wurde dieses Wort – „Österreich war Opfer“ – zur „Beschwörungsformel“ im Nachkriegs-Österreich: Die österreichischen Politiker nahmen es „immer wieder in den Mund“. Und Beckermann (1989, S. 40) ergänzt: „In schlauem Mißverstehen münzten die Gründerväter der Zweiten Republik den auf das Staatsgebilde bezogenen Terminus (…) auf jeden einzelnen Österreicher um.“ Aus der Formel „Österreich war Opfer“ wurde also: „Alle Österreicher waren Opfer.“ So sagte die österreichische Unabhängigkeitserklärung vom 27. April 1945, dass die Hitlerregierung „das macht- und willenlos gemachte Volk Österreichs in einen sinn- und aussichtslosen Eroberungskrieg geführt hat, den kein Österreicher jemals gewollt hat.“ Beckermann nennt den Satz „Alle Österreicher waren Opfer“ die „Lüge von der Kollektivunschuld“.

Nun wird verständlich, warum die Wiener nach dem Krieg auf einmal Tiroler- und Steirerhüte trugen und warum sie ihr Wienerisch „weniger deutsch“ aussprachen: Sie wollten betonen, dass sie Österreicher waren – und keine Deutschen. Denn als Österreicher waren sie ja Hitlers Opfer. So erklärt sich die österreichische „Absetzbewegung von Deutschland“ (Ruth Beckermann 1989, S. 25).

Dabei war der Satz von Österreich als „Opfer“ Hitlers nur ein Teil der „Moskauer Deklaration“. In der Deklaration stand nämlich auch dieser Satz: „Österreich wird jedoch darauf aufmerksam gemacht, dass es für die Beteiligung am Kriege auf seiten Hitlerdeutschlands die Verantwortung trägt, der es nicht entgehen kann, und dass bei der endgültigen Regelung unvermeidlich sein eigener Beitrag zu seiner Befreiung berücksichtigt werden wird.“ Für eine scharfe „Verantwortlichkeitsklausel“ hatte sich der russische Delegierte Wyschinskij bei der Moskauer Konferenz eingesetzt (Albert Sternfeld 1990, S. 33). Die Moskauer Deklaration enthielt also nicht nur eine „Opfer-These“, sondern auch eine „Mittäter-These“ (Gerhard Botz 1994a, S. 24): Österreich war nicht nur Opfer, sondern auch Mitverantwortlicher am Krieg, ja Mittäter. Die österreichischen Politiker, sagt Botz, „taten alles“, dass diese „Mittäter-These“ „in Vergessenheit geriet“.

b) Das Rot-Weiss-Rot-Buch von 1946

So sagte Staatskanzler Karl Renner (zitiert nach Albert Sternfeld 1990, S. 46), der Chef der Provisorischen Regierung, am 24. August 1945 im Kabinett: „(…) jetzt müssen wir immer deutlicher sagen, daß wir gar keine Verantwortung tragen. Nur so können wir allmählich frei werden.“ Und so erschien 1946 eine „offizielle Dokumentation der Regierung“ (Albert Sternfeld 1990, S. 45), nämlich das „Rot-Weiss-Rot-Buch“ mit dem Titel: „Gerechtigkeit für Österreich!“. Darin wird Österreich als „Opfer“ der „braunen Sintflut“ bezeichnet – und damit die „Opferthese“ der „Moskauer Deklaration“ wiederholt. Alfred Sternfeld (1990, S. 39, 46), der 1938 als Kind aus Wien floh, nannte dieses Buch „einseitig“ und einen Beleg für eine Haltung „des Verschweigens, Verdrängens, Wegleugnens“. Das Buch, so Sternfeld (1990, S. 45), verschweige zum Beispiel die Judenpogrome vom November 1938 – und damit auch die Tatsache, dass Österreicher daran „recht aktiv beteiligt waren“, wovon Sternfeld „Augenzeuge war“. Auch werde im Buch der österreichische Widerstand gegen Hitler „überproportional aufgebauscht“. So behauptete das Rot-Weiss-Rot-Buch (1946, S. 7): Die österreichische Widerstandsbewegung „griff in dem Augenblicke, als die Alliierten auf österreichischem Boden standen, zu den Waffen und vollendete ihren Beitrag zur Befreiung des Landes.“ Sternfeld (1990, S. 41) merkte an, dass diese Darstellung „den Tatsachen nicht entspricht“. Auch Hans Safrian (1994, S. 528) schrieb, dass Österreichs eigener Beitrag zur Befreiung „hochstilisiert“ wurde, obwohl er doch „weitgehend inexistent geblieben war“.

c) Der Staatsvertrag vom Mai 1955

1955 erkannten die Alliierten Österreich im Staatsvertrag als Staat an. In der Präambel, der Vorbemerkung des Vertrags, wurde auf die „Moskauer Erklärung“ hingewiesen, die ja „die Annexion Österreichs durch Deutschland am 13. März 1938 als null und nichtig“ bezeichnet hatte. Eigentlich sollte der Vertrag auch sagen, dass Österreich für die Teilnahme am Krieg Verantwortung trug; die Alliierten stimmten aber einen Tag vor Vertragsunterzeichnung zu, diesen Hinweis zu streichen (Robert Knight 1994, S. 81). Die „Opfer-These“ konnte nach dem Staatsvertrag ein „kräftiges Eigenleben“ entfalten, sagt Botz (1994a, S. 25): „Schließlich war es nicht mehr weit, daß sich alle Österreicher (…) als Opfer fühlten, auch als Kriegsgefangene (…) und Bombenopfer, als Opfer (…) des Verführers Hitler. (…) Nur widerwillig und halbherzig, wenn überhaupt, wurde auch den Juden die Anerkennung als Verfolgte zuteil.“ Beckermann (1989, S. 73) erklärt: „Plötzlich mußten Juden, die alleine wegen ihres Jude-Seins verfolgt worden waren, beweisen, dass sie würdige Opfer waren. Jude sein war nicht genug; Gegner des Nationalsozialismus mußten sie gewesen sein.“

Und Safrian (1994, S. 529) meint: „Schuld (…) an NS-Verbrechen wurde abgeschoben (…): die Österreicher waren die Opfer, (…) die Deutschen (…) waren die Täter. Im Wunsch nach der Tilgung der Erinnerung (…) waren sich die österreichischen Täter, Mitläufer und Pflichterfüller mit den österreichischen Staatsmännern einig.“ In diesem Kontext weist Botz (1994b, S. 92) auf das Bonmot hin, „wonach es die Österreicher nach 1945 bestens verstanden hätten, mit ihrer Vergangenheit fertig zu werden: Sie haben Beethoven zum Österreicher und Hitler zum Deutschen gemacht“. John Bunzl (1987, S. 38) sagt, dass Österreich durch den offiziellen Mythos vom Opfer eine – mit Deutschland verglichen – „privilegierte“ Behandlung erreichen konnte: „Keine Teilung, keine Stigmatisierung, keine Massenvertreibungen, verhältnismäßig geringe (…) Reparationen, Abzug aller fremden Soldaten, Unabhängigkeit.“ Der Plan Renners, durch das Verleugnen jeder Verantwortung Österreichs zur Freiheit zu gelangen, war aufgegangen. Beckermann (1989, S. 44) spricht von der „Taktik“, Österreich als Opfer zu präsentieren, um den Staatsvertrag zu erreichen.

Und vom Staatsvertrag profitierten nicht nur die Staatsmänner, sondern auch die „normalen“ Österreicher. Es kann daher nicht verwundern, dass auch die Wiener Bevölkerung – in Clares Beispiel – den Mythos vom Opfer unterstützte, der für Knight (1994, S. 81) „eigentlich nicht überzeugend“ war. Der „patriotische Verdrängungs-Konsens“ war in Österreich „allgemein akzeptiert“, sagt Safrian (1994, S. 529).

d) Zur Situation nach dem Staatsvertrag von 1955

Aber warum wurde die „Opfer-Operette“, wie Beckermann (1989, S. 35) sie nennt, auch noch nach dem Staatsvertrag nicht abgebrochen, sondern weitergespielt, von den Staatsmännern ebenso wie von der Bevölkerung? Safrian hat ja, wie erwähnt, darauf hingewiesen, dass es vielen Österreichern darum ging, Schuld abzuschieben und so einer Stigmatisierung zu entgehen. Was hätte es bedeutet, wenn Österreicher ihre Schuld – insbesondere gegenüber den Juden – zugegeben hätten? Welche Konsequenzen hätte das gehabt? Botz (1994b, S. 96) sagt: „Österreicher waren es, die von der Beraubung der Juden, von der Übernahme der Posten und Geschäfte von Juden, von der Vertreibung der Juden aus ihren Wohnungen profitierten, und zwar zu Zehntausenden. Der nichtjüdischen Bevölkerung war es nur recht, daß die Juden schließlich ‚deportiert‘ wurden (…).“

Bis 1945, so Knight (1994, S. 83), seien „die Nazis fest in der Gesellschaft Österreichs etabliert“ gewesen. Und Botz (1994b, S. 96f.) schreibt weiter: „So gab es 1942 rund 688 000 NS-Mitglieder“ in Österreich, „das heißt: etwa jeder Vierte erwachsene männliche Österreicher war (…) ein Nazi. (…) Die Österreicher waren jedoch nicht nur führend als einfache NSDAP-Mitglieder. Sie nahmen auch innerhalb des nazistischen Besatzungs- und Vernichtungsapparats eine prominente Rolle ein: etwa Ernst Kaltenbrunner als ‚zweiter Mann‘ des SS-Apparats nach Himmler, Odilo Globocnik als (…) Leiter der ‚Aktion Reinhard‘ und Adolf Eichmann (…) als Exekutor der ‚Endlösung‘ (…).“

Vor diesem Hintergrund erklärt Beckermann (1989, S. 59), warum die Rückkehr der überlebenden Juden nach dem Krieg unerwünscht war: „Über 100.000 österreichische Juden würden Zeugen sein, jeder einzelne könnte auf ein Gesicht zeigen. Ein weiteres Motiv war der entschiedene Wille, das den Juden geraubte Gut möglichst nicht wieder herauszugeben und sich in der Karriere (…) nicht von einem Rückkehrer behindern zu lassen.“ Und auch die Republik Österreich konnte, indem sie die Juden nicht als Opfer anzuerkennen brauchte, lange Zeit eine Entschädigung dieser „wahren Opfer“ vermeiden, so Botz (1994a, S. 25).

Viele Österreicher wollten sich – als Täter – nicht mehr an ihre Rolle in der Nazizeit erinnern. Und auch die, die nicht Täter gewesen waren, wollten sich nicht an die Verfolgung der Juden erinnern – wäre doch schon dadurch der Mythos von Österreich als Opfer erschüttert worden. Der „Verdrängungsdruck“ gegenüber dem „heißen Eisen“ geschichtlicher Wahrheit war groß (Botz 1994a, S. 25). Eltern in Österreich sagten ihren Kindern: „Wir haben nichts getan, wir haben nichts gewußt.“ (Botz 1994a, S. 29) Safrian (1994, S. 531) kritisierte, dass auch die Geschichtswissenschaft lange schwieg, Geschichte dadurch tabuisierte, dass sie sich – zum Beispiel – nicht mit den österreichischen Tätern beschäftigte.

Im Rückblick auf die Waldheim-Affäre schrieb Safrian (1994, S. 530f.): „Vierzig Jahre lang haben es die Österreicher geschafft, (…) als (…) Opfer und nicht als Mittäter des Nationalsozialismus zu gelten, und auf einmal (…) soll der Schmäh nicht mehr ziehen?“ Die „Abwehrmechanismen“, die in Österreich immer noch „glänzend funktionieren“, würden auf einmal vom Ausland abgelehnt.

Ja, im Österreich der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts funktionierte die Verdrängung „glänzend“.

Deshalb stellt sich nun die Wissenschaft ihrer Aufgabe, den Wienern von heute zu erzählen, was ihnen schon ihre Eltern hätten sagen können: Dass die Juden in den Wiener Lagern auch deshalb „in den Tod geschickt“ werden konnten, weil das so vielen Wienern „nur recht“ war – und sie gerne wegschauten.

Vielen Dank.

Literatur:

Ruth Beckermann: Unzugehörig. Österreicher und Juden nach 1945. Löcker Verlag Wien 1989

Gerhard Botz: Krisen der österreichischen Zeitgeschichte. In: Gerhard Botz / Gerald Sprengnagel (Hrsg.): Kontroversen um Österreichs Zeitgeschichte. Verdrängte Vergangenheit, Österreich-Identität, Waldheim und die Historiker. Campus Verlag Frankfurt am Main 1994 (Zitierweise: Botz 1994a)

Gerhard Botz: Verdrängung, Pflichterfüllung, Geschichtsklitterung: Probleme des „typischen Österreichers“ mit der NS-Vergangenheit. In: Gerhard Botz / Gerald Sprengnagel (Hrsg.): Kontroversen um Österreichs Zeitgeschichte. Verdrängte Vergangenheit, Österreich-Identität, Waldheim und die Historiker. Campus Verlag Frankfurt am Main 1994 (Zitierweise: Botz 1994b)

John Bunzl: Anschluß, Verstrickung, Ausflüchte. Thesen über Österreich. In: Das Jüdische Echo. Zeitschrift für Kultur und Politik, Oktober 1987 (Nummer 1, Band 36)

Anton Brunner: Verhör vom 12. Oktober 1945 bei der Staatspolizei. Akte Vr 4574/45, Landgericht Wien, zitiert nach: Hans Safrian: Eichmann’s Men. Cambridge University Press New York 2010, S. 216

George Clare: Last Waltz in Vienna: A Postscript. In: Ivar Oxaal / Michael Pollak / Gerhard Botz (Hrsg.): Jews, Antisemitism and Culture in Vienna, Routledge & Kegan Paul London 1987

Robert Knight: Der Waldheim-Kontext: Österreich und der Nationalsozialismus. In: Gerhard Botz / Gerald Sprengnagel (Hrsg.): Kontroversen um Österreichs Zeitgeschichte. Verdrängte Vergangenheit, Österreich-Identität, Waldheim und die Historiker. Campus Verlag Frankfurt am Main 1994

Hans Safrian: Tabuisierte Täter. Staatliche Legitimationsdefizite und blinde Flecken der Zeitgeschichte in Österreich. In: Gerhard Botz / Gerald Sprengnagel (Hrsg.): Kontroversen um Österreichs Zeitgeschichte. Verdrängte Vergangenheit, Österreich-Identität, Waldheim und die Historiker. Campus Verlag Frankfurt am Main 1994

Hans Safrian: Eichmann’s Men. Cambridge University Press New York 2010

I. N. Semskow (Hrsg.): UdSSR – Österreich. 1938 – 1979. Dokumente und Materialien. Verlag der Presseagentur Nowosti Moskau 1980

Monika Sommer / Heidemarie Uhl: Letzte Orte vor der Deportation. https://www.oeaw.ac.at/ausstellung-letzte-orte/, abgerufen am 2.9.2018 

Albert Sternfeld: Betrifft: Österreich. Von Österreich betroffen. Löcker Verlag Wien 1990

Anna Sussmann: Diskussionsbeitrag. In: Lothar Knessl (Hrsg.): Insel der Seligen. Identität und Verdrängung in der Zweiten Republik 1945 – 1955 – 1985. Dokumentation des Burgtheatertags vom 11. Mai 1985. Österreichischer Bundestheaterverband Wien 1985

Heidemarie Uhl: Letzte Orte vor der Deportation. Kleine Sperlgasse, Castellezgasse, Malzgasse. https://www.oeaw.ac.at/detail/news/letzte-orte-vor-der-deportation-kleine-sperlgasse-castellezgasse-malzgasse/, publiziert am 16.11.2016, abgerufen am 3.9.2018 

Heidemarie Uhl und Monika Sommer: Letzte Orte vor der Deportation. http://science.orf.at/stories/2805170/, publiziert am 26.10.2016, abgerufen am 2.9.2018

Erika Weinzierl: Diskussionsbeitrag. In: Lothar Knessl (Hrsg.): Insel der Seligen. Identität und Verdrängung in der Zweiten Republik 1945 – 1955 – 1985. Dokumentation des Burgtheatertags vom 11. Mai 1985. Österreichischer Bundestheaterverband Wien 1985

Rot-Weiss-Rot-Buch: Gerechtigkeit für Österreich! Darstellungen, Dokumente und Nachweise zur Vorgeschichte und Geschichte der Okkupation Österreichs. Erster Teil (nach amtlichen Quellen). Verlag der österreichischen Staatsdruckerei 1946

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